Samstag, 24. August 2013

Sarek Reisebericht: Tag 5 - Über das Snavvavagge in die grüne Hölle: Der Höhenmeter-Marathon


Freitag, 05.07.13: Halbzeit. Eins ist klar, als uns der Sarek zum alltäglichen Müsli-Frühstück ein freundliches Morgenwetter beschert: Der heutige Tag wird entweder sehr kurz oder sehr lang. Wie wir im Laufe des Tages merken sollten, gibt es auch noch eine dritte Möglichkeit. Den als matschig und mückenverseucht beschriebenen Abschnitt im Rapasalet haben wir bereits bei den Reisevorbereitungen "grüne Hölle" getauft.


Der friedliche Sarek:  Morgenstimmung am Hang zum Snavvavagge.

Die kurze Variante: Wir bringen den Rest des unwegsamen Steilhangs hinter uns und zelten am Bergsee im Hochtal Snavvavagge. Die lange Variante: Wir durchqueren das Hochtal, steigen zum Rapasalet ab, laufen bis zum Fluss Alep Vássjájågåsj, steigen an dessen Ufer zu einer Hochebene auf, und wandern dort oberhalb des Rapadalen weiter bis zum Lulep Vássjájågåsj.

Erst mal starten wir aber mit einem Rekord.

Kurz bevor das Frühstück beendet ist, bewölkt sich der Himmel wieder und Regen wird immer wahrscheinlicher. Unter dem Eindruck der letzten Tage gelingt es uns, das Zelt in Windeseile abzubauen. Die genaue Zeit ist nicht überliefert, aber wir funktionieren wie ein Uhrwerk. Jeder Handgriff sitzt und innerhalb von fünf Minuten ist das Zelt trocken verpackt im Rucksack. Gerade bevor die ersten Tropfen fallen, bei denen es vorerst aber auch bleibt.

Da das Snavvavagge mittlerweile in Wolken gehüllt ist, setzen wir lieber gleich auf Regenkleidung. Auch, weil ein möglicher Wolkenbruch das Weidengestrüpp so sehr tränken würde, dass es jede Menge Wasser bereitwillig an vorbeistreichende Trekker abgäbe. 

"Weidengestrüpp" ist dann auch das Stichwort für den weiteren Aufstieg zum Hochtal, der sich tatsächlich als fortgesetztes Auf-und-ab entpuppt. Schnell wird noch einmal klar, dass der Zeltplatz gestern genau zur richtigen Zeit gekommen ist. Hätten wir den nun anstehenden Abschnitt erschöpft wie wir waren noch am Vortag bewältigen wollen - kaum vorstellbar.

Verflogen: Die gute Aufbruchslaune weicht ein paar Meter nach dem Start wieder der Konzentration.
Tatsächlich geht es zunächst bergab. Das ruft bei mir ein inneres Stirnrunzeln hervor, ich sage aber nichts. Der Untergrund ist etwas trockener als gestern. Mit dem Abstieg wird allerdings auch die Vegetation wieder dichter und hüft- bis schulterhoch.

Tiefpunkt: Nach der Unterquerung der Felswand links geht es wieder bergauf.
Wir unterqueren die Felswand, die am Vortag schon aus der Ferne sichtbar war, und steigen über Geröllfelder weiter dem Snavvavagge entgegen. Meine persönliche Einschätzung des gesamten Aufstiegs entspricht einem Alpenpfad der roten Kategorie. Wer konzentriert, trittsicher und idealerweise vorerfahren ist, sollte hier meines Erachtens keine ernsthaften Schwierigkeiten haben. Natürlich ist es anstrengend und man kann immer ausrutschen oder sich den Knöchel verrenken, aber es ist auch kein Balanceakt auf einem ausgesetzten Felsgrat.

Fels und Gestrüpp im Wechsel: Der Zugang zum Hochtal rückt langsam näher, die Vegetation geht zurück.

Blick zurück: Links von der Bildmitte der Vorsprung, auf dem wir gezeltet haben.
Kurz bevor es einfach wird, erreichen wir den steilsten Teil des Aufstiegs. Hier schraubt man sich fast senkrecht nach oben und zwei, drei mal nehmen wir die Hände zur Hilfe. Es handelt sich aber keinesfalls um eine Kletterstelle über schwindelerregendem Abgrund.
Handarbeit: Das letzte Stück vor dem Sattel zum Hochtal ist nicht lang, aber steil.
Danach tauchen die ersten Steinmandl auf, die den Weg durch das gesamte Hochtal weisen. Der Pfad ist im gesamten Snavvavagge deutlich sichtbar und durch die Häufchen aus geschichteten Steinen gut markiert. Zweiteres erweist sich vor allem bei Nebel/niedrigen Wolken/Schnee als sinnvoll, wenn die Sichtweite massiv eingeschränkt ist. Der Himmel bleibt grau, und als wir über die Kante kommen frischt der Wind auf und ein leichter Sprühregen setzt ein.

Geschafft: Nach dem steilsten Stück wird es schnell ebener, erste Steinmandl weisen den Weg.

Die letzten Meter zur Schwelle ins Snavvavagge, hinten der Laddebakte.
Anders als erwartet tut sich vor uns nicht der Bergsee Snavvajavvre auf. Stattdessen geht es zunächst über eine weite Fläche aus Gras und niedrigem Weidenbewuchs. Uns präsentiert sich das Snavvavagge an diesem Tag als unwirtlich, rau, feucht und kalt. Der Laddebakte zu unserer Rechten ist immer wieder von Wolken verhüllt. Innerlich kündige ich die kurze Variante mit Lager am See auf.

Auf dem Weg zum Bergsee Snavvajavvre.
Schließlich stoßen wir auf eine niedrige, felsige Erhebung; auf der anderen Seite liegt der ersehnte Snavvajavvre. Wir rasten und füllen unsere Wasservorräte auf. Aus dem Bächlein in der Nähe des vorigen Zelplatzes hatten wir nur wenig Wasser mitgenommen um für den Aufstieg zwar versorgt, aber nicht unnötig schwer beladen zu sein. Auf dem Steinmandl-Weg auf der nördlichen Seite des Sees setzen wir unseren Weg fort.

Wenig einladend: An diesem Tag präsentiert sich das Snavvavagge mit dem Snavvajavvre trostlos.
Die Durchquerung des Hochtals ist bei guter Sicht absolut unschwierig. Bei schlechter Sicht helfen die Steinmandl und das Seeufer als Landmarke weiter. Wir benötigen für das komplette Tal gute 30 Minuten. Grasige und leicht felsige, ebene Flächen wechseln sich ab, unterbrochen von leicht zu überquerenden Bachläufen. Eine Furt ist zu unserer Zeit, Anfang Juli, nicht notwendig. Das Wasser aus dem See trinken wir wie an den anderen Tagen ungefiltert. Es erweist sich als bedenkenlos genießbar und schmeckt sogar richtig gut.

Als wir uns dem südöstlichen Ende des Hochtals nähern, bläst der Wind ungemütlich kalt und nass über den Sattel vom Rapasalet her hinein und wir suchen hinter einem großen Findling in der Nähe einer Zeltwiese Schutz. Was also tun? Jetzt schon zelten im unfreundlichen Snavvavagge? Es ist erst zwölf Uhr mittags, wir sind gerade zweieinhalb Stunden unterwegs. Oder doch weitergehen, absteigen und eine weitere Ochsentour bis zum Lulep Vássjájågåsj in Kauf nehmen?

Nass sind wir schon, und wenn wir das Zelt aufbauen ist es das auch. Außerdem: Was sollen wir mit dem Rest des Tages im Hochtal anfangen, wo wir doch eigentlich noch weiter kommen müssten, wegen der knappen Zeit? Vielleicht bietet sich ja auf dem Weg ins Rapasalet, dem Vorhof des weitläufigen Rapadalen, noch eine Zeltmöglichkeit und das Wetter wird in der Zeit besser. Also weitergehen.

Tristesse auch am südöstlichen Ende des Snavvajavvre: In der Bildmitte die Zeltwiese.
Ein Sattel trennt das Hochtal vom Abstieg zum Rapasalet. Hier geht es also noch einmal ein wenig bergauf und der Pfad verschwindet auf dem felsigen Grund. Als uns eine Wolke ausgerechnet dort wie aus dem Nichts umhüllt ist klar, wofür die Steinmandl gut sind: Die Sicht reduziert sich von einer Sekunde auf die andere auf etwa 15 Meter und wir schwärmen auf gleicher Höhe zueinander aus, um die nächsten Steinhaufen zu finden. Die Wolke bleibt und wieder peitscht der Regen, aber unsere "Suchkette" und die Steinmandl funktionieren ausgezeichnet. Wenig später blicken wir hinab auf das Rapasalet - allerdings ist nicht furchtbar viel zu sehen.


Verglichen mit dem langen Aufstieg gestaltet sich der Abstieg auf dieser Seite leicht. Es geht das erste Stück richtig steil bergab und außer kleinen Felsbrocken und Gras ist nichts im Weg. Wären die Steine trocken und der Starkregen woanders, wäre alles noch viel einfacher und die Aussicht wunderbar. Aber auch so sind wir froh, uns nicht wieder im Weidengestrüpp verfangen zu müssen. Je tiefer wir kommen, desto mehr gewinnt das Gras die Oberhand und schließlich laufen wir auf einem gut sichtbaren, gefluteten Pfad über einen Wiesenhang auf die erste Furt des Tages zu: den Jilajahka.

Steil, aber wenig bewachsen: Der Abstieg vom Snavvavagge Richtung Rapasalet.

Im Regenschleier: Abstieg zum Jilajahka, dahinter das Rapasalet.

Langsam aber stetig lässt der Regen nach und die Sicht wird besser. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass wir uns aus der Wolkendecke herausarbeiten. Oder damit, dass wir wieder einmal furten dürfen. Jedenfalls endet der Regen, während wir von unten nass werden. Der Jilajahka ist trotz des ergiebigen Gusses klar, laut und schnell, aber nicht übermäßig tief. Fast ist es schwieriger, in die feuchte Schlucht hinab und auf der anderen Seite wieder hinauf zu steigen.

Danach geht es zunächst direkt am Ufer auf gut ausgetretenem Pfad bergab Richtung Baumgrenze. Auf diesem Stück zweigen immer wieder deutliche Pfade nach links (Osten) ab. Diese führen zu Zeltplätzen. Ich bin jeden einzelnen bis zum Ende abgelaufen, aber dazu gleich mehr.

Der richtige Pfad führt immer weiter bergab, geradewegs in den lichten Birkenwald hinein. Dabei entfernt sich der Jilajahka zu unserer Rechten immer weiter.
Kurz vor der Baumgrenze: Pfade wie dieser führen zu Zeltplätzen weiter links.
An der Baumgrenze zögern wir, weil sich die schematische Darstellung auf der Fjällkartan BD 10 nicht hundertprozentig mit unserer Interpretation des Geländes deckt. Danach müsste sich der Pfad noch oberhalb der Baumgrenze deutlicher vom Fluss Richtung Süden entfernen. Die Wegbeschreibungen in beiden Führern bleiben in diesem Abschnitt vage und helfen angesichts der vielen Pfade nicht weiter. Schließlich muss eine Entscheidung her und wir gehen geradewegs bergab in die grüne Hölle.

Der Pfad hinab zum Rapasalet, kurz unterhalb der Baumgrenze.
Was als deutlicher Pfad im lichten Birkenwald beginnt, wird bald zur Spur im zunehmenden Dickicht. Die Zweifel wachsen, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Der müsste doch stärker begangen sein, so wie im oberen Teil? Nehmen die übrigen Trekker einen der Abzweige weiter oben? Es dauert nicht lang, bis die Mückenhüte aufgesetzt und die Netze herabgelassen werden müssen. Die Hände sprühen wir ein.

Etliche Höhenmeter später stehen wir wenige Meter vom Wasser des Rahpaädno entfernt ratlos im Busch.

Nach rechts (Westen) verläuft ein ziemlich verwachsener Pfad in Richtung Jilajahka, dessen Rauschen wir nun wieder gut hören. Dort müsste sich auch irgendwo die verschlossene Skarki-Hütte befinden. Links von uns ist nur hüfthohes Gras zu sehen, das in Schilf übergeht. Das wäre aber unsere Richtung, nur stehen wir hier praktisch schon im Fluss.

Also setze ich den Rucksack ab und folge zunächst der Spur Richtung Jilajahka/vermuteter Skarki-Hütte. Ich habe die Hoffnung, dass von dort aus ein Pfad Richtung Osten führt, den wir übersehen haben. Nachdem ich einen kleinen Bach übersprungen und mehrere von Menschenhand quer gelegte Äste überstiegen habe, verliert sich die Spur im dichten Bewuchs. So verwachsen und wenig begangen kann der Pfad doch nicht sein, denke ich. Immerhin handelt es sich bei der Skarki-Hütte um eine verzeichnete, von anderen Trekkern unschwierig gefundene, Wegmarke. Ich drehe um.

Inzwischen hat Marc etwas im hohen Gras Richtung Osten - unserer Richtung - entdeckt, was weniger ist, als eine Spur. Hier könnte sich vor zwei Tagen auch eine Elchkuh durchs Gestrüpp zum Wasser geschoben haben. Die Zweifel auf dem richtigen Weg zu sein sind inzwischen so groß, dass wir beschließen wieder zur Baumgrenze aufzusteigen und dort die deutlicheren Pfade nach Osten zu untersuchen.

Eineinhalb Stunden kostet uns der Ausflug in die grüne Hölle.

Wieder an der Baumgrenze angelangt, zeigt ein Abgleich aus der Vogelperspektive zwischen der Karte und den Teichen entlang des Hauptstroms, dass wir prinzipiell an der richtigen Stelle auf den Rahpaädno gestoßen sind. Nur die Darstellung, dass sich der Weg oberhalb der Baumgrenze so schnell vom Jilajahka löst, entspricht nicht der Gegebenheit.

Nochmal auf Verdacht absteigen will keiner und so teilen wir uns auf. Ich laufe die Pfade der Reihe nach ab - bis zurück zur Furtstelle. Alle enden in einem Zeltplatz, meistens mit Feuerstelle. Wer hier also campen möchte, folgt am besten einem dieser Pfade. Die Aussicht ist gerade bei den oberen absolut lohnend und jeder Meter über der Baumgrenze verspricht mehr Wind und weniger Mücken. Dort finde ich auch ein schönes Plätzchen, das ich für uns bereits gedanklich ins Auge fasse.


Nach dem Rapasalet-Ausflug: Schöne Aussicht und schöne Erschöpfung.

Ich habe bemerkt, dass die Ungewissheit über den weiteren Verlauf meine Mitreisenden frustriert. Nach der langen Tagesetappe vom Vortag verstärkt der Abstecher zum Rapasalet auch die körperliche Erschöpfung, was wiederum auf die Psyche durchschlägt. Ich bin vielleicht ehrgeizig, aber nicht bar jeden Empathievermögens. Dankbar wird mein Vorschlag angenommen, das Zelt aufzuschlagen. Am nächsten Tag wollen wir ausgeruht noch einmal absteigen und uns zur Not durchschlagen, bis wir auf den Pfad treffen.

Zeltplatz unweit des Jilajahka, hinten der Sattel zum Hochtal Snarvavagge.
Rückblickend die beste Entscheidung des Tages. Wieder ein Zeltplatz ohne Regen und mit immer besser werdender Aussicht. Der Wegabschnitt durch das Rapasalet sollte seinem Spitznamen "grüne Hölle" am nächsten Tag noch gerecht werden. Wären wir der "Elchkuh" heute gen Osten gefolgt, wäre es mit Sicherheit der längste aller Tage geworden.

Es klart auf: Am Abend gewährt das Rapasalet tiefe Einblicke.

Feierabend: Für heute haben die Stiefel ihren Zweck erfüllt.

Erkenntnisse des Tages:

1. Der Aufstieg ins Snavvavagge aus Richtung Skarja ist zäh, aber zu bewältigen. Im arktischen Frühjahr oder Spätherbst vermutlich leichter, wenn die Vegetation weniger ausgeprägt ist.

2. Der kahle Abstieg Richtung Rapasalet ist vergleichsweise unschwierig. Aus der Gegenrichtung hat man es hier mit einem deutlich steileren Anstieg zu tun -> Trekkingstöcke empfehlenswert für beide Richtungen.

3. Die Durchquerung des Hochtals Snavvavagge ist der einfache Part zwischen Auf- und Abstieg (wer hätte es gedacht), die Orientierung ist einfach.

4. Wasser zu filtern hat sich für uns als überflüssig erwiesen, seit wir den Padjelantaleden verlassen haben. Dort hatten wir Wasser unterhalb einer Sumpfwiese entnommen.

5. Trust your instincts. Really.

Keine Kommentare:

Kommentar posten