Sonntag, 11. August 2013

Sarek Reisebericht: Tag 2 - Kisurisstugan bis kurz hinter den Nijakjagasj: Das feuchte Tor zum Sarek




Dienstag, 02.07.13: Weil die Mücken einfach zu übel sind, brechen wir um 7.45 Uhr ohne Frühstück von unserem Lagerplatz am Padjelantaleden auf. Bislang haben wir den Regen nur aus der Ferne gesehen und Furtstellen gab es auch keine. Wir hoffen, mit dem Eintritt in den Sarek in exponierteres Gelände zu kommen, um dort in Ruhe zu essen.

Bald schon würden wir uns über eine geschützte Ecke freuen.

 

Knapp 45 Minuten später überqueren wir den Sinjuftjutisjakka, in dessen Nähe die Kisurisstugan stehen soll (wir sehen/suchen die Hütte nicht). Der Himmel ist bewölkt, aber die Nacht war trocken und es ist so mild, dass wir nur wegen der bluthungrigen Plagegeister langärmelig unterwegs sind.

Hier trägt man die Trekkingstöcke besser: Brücke über den Sinjuftjutisjakka.

Nationalpark-Kreuzung: Hinter der mittleren Info-Tafel führen die Pfade in den Sarek.

Wenige Meter nach der Brücke stoßen wir auf drei Schautafeln, die über die drei Nationalparks informieren. Stora Sjöfallet, Sarek und Padjelanta treffen hier aufeinander. Direkt hinter den Schildern führen die Pfade in den Sarek.

Durch die vielen Abkürzungen ist hinter den Schildern ein Wirrwarr aus kleinen Pfaden entstanden. Wer sich nicht unmittelbar am Sinjuftjutisjakka, sondern auf den Pfaden etwas rechts von ihm hält, landet schließlich auf einem mit wenigen Birken bestandenen Grasrücken, auf dem es sich hervorragend mit Blick auf den Sinjuftjutisjakka links und den Sjpietjavjakka rechts laufen lässt. Es ist auch möglich, nahe am Ufer des Sinjuftjutisjakka zu laufen. Die Pfade dort sind aber matschiger und mückenbelasteter, da windgeschützter.


Auf dem Grasrücken: Links unten rauscht der Sinjuftjutisjakka ...

... rechts der Sjpietjavjakka.

Dunkle Wolken brauen sich vor uns zusammen und ein Berg nach dem anderen verschwindet in den Regenschleiern, die sich langsam auf uns zuschieben. Wir beschließen, auf freier Fläche zu essen, bevor uns der Regen erreicht. Keine Sekunde zu spät. Noch während Marc seine aufgekochte Fertigmahlzeit isst, geht es los. Eineinhalb Jahre in Neuseeland haben mich gelehrt, Mutter Natur nicht zu unterschätzen, und so wechsle ich angesichts der Waschküche vor uns von der Trekkinghose zur Regenhose. Die beiden anderen lernen an diesem Tag, dass das auch für sie eine gute Idee gewesen wäre. Vorerst setzen sie darauf, dass der Regen schnell vorübergeht und die Stoffhosen schnell trocknen.

Spätes Frühstück: Um 9.30 Uhr erreicht uns die Regenfront, die aus Richtung Ruohtesvagge auf uns zu rollt.
Wasser von allen Seiten: Je tiefer wir in den Sarek eindringen, desto heftiger wird auch der Wind.

Der Regen bleibt und der Wind nimmt mit jedem Kilometer zu. Anfangs kommen wir noch leicht voran, dann vereinen sich alle Pfade in einem, der sich bald immer wieder im Weidengestrüpp verliert. Schließlich laufen wir nur noch so, wie es das Gelände am ehesten erlaubt. Das Wasser tropft vom Kapuzenschild, läuft in die Ärmel. Die leichten Trekkinghosen der beiden kleben an den Beinen, doch jetzt zu wechseln hat keinen Sinn. Stehenbleiben will keiner.

Immer wieder müssen wir Abstecher zum Ufer hinunter machen, weil es sich auf den blanken Steinen leichter läuft und weil immer häufiger Sumpfflächen auftauchen, die im trockeneren August vermutlich keine sind. Die Bäche führen viel Wasser, sind aber über kleine Umwege oft irgendwie zu überqueren. Eine Pause ist keine Option. Wir setzen alles auf eine Karte und wollen erst anhalten, wenn wir die Kisuriskatan erreichen.
Irgendwann ist alles egal: Daniela prescht durch Wasserläufe und pitschnasses Weidengestrüpp.
Als wir endlich die Kisuriskatan sehen, sind wir erleichtert. Zum einen, weil sie einen notdürftigen Wetterschutz für eine Rast verspricht, zum anderen, weil sie als Wegmarke zeigt, wie weit wir entlang des Sinjuftjutisjakka gekommen sind. Daniela und Marc ziehen dort nun doch die trockenen und warmen Regenhosen an, ich gehe noch einmal hinaus, um Wasser zu holen.

Einziger Wetterschutz weit und breit: die halb verfallene Kisuriskatan.

Endspurt: Die letzten Meter zur Kisuriskatan, hinten rechts.

Die Kisuriskatan hält das Schlimmste ab. Hier kochen wir uns allen ein Süppchen.

Die Tomatensuppe kocht gerade, als wir Besuch bekommen. Ein deutsches Pärchen, das wir schon im Boot und auf dem Padjelantaleden gesehen haben, gesellt sich zu uns. Sie haben den gleichen Weg, aber deutlich mehr Zeit dafür eingeplant. Aufgewärmt und gestärkt gehen wir wieder hinaus in den Regen und schlagen uns weiter durch das Weidengestrüpp.

Gegen 15 Uhr erreichen wir den Nijakjagasj, das Pärchen trifft kurz darauf ein. Nach fünfeinhalb Stunden Dauerregen macht der Unwettergott gerade für die 15 Minuten eine Pause, die wir brauchen, um den Fluss zu durchqueren. Erschöpft nutzen wir die Chance, und bauen das Zelt oberhalb der Ufer-Böschung auf. Währenddessen geht es wieder los und soll für weitere neun Stunden nicht enden. Ich habe noch nie einen so lange andauernden Regen erlebt.

Einzige Regenpause: In der Zeit, wo wir den Nijakjagasj furten, kommt das Wasser nur von unten.

Eiskalt: Der Nijakjagasj erweist sich als der kälteste aller Flüsse und Bäche. Selbst mit Neopren-Socken.

Konzentriert setzen wir das Zelt mit klammen Fingern im peitschenden, feuchten Wind zusammen. Eine Stange verfängt sich in einem Gestängekanal und wir brauchen mehrere Minuten, bis sie schließlich durchgleitet. Ich krieche zuerst hinein, um die Aufhängung des Innenzelts zu prüfen. Erst jetzt bemerke ich, dass meine Hände vom Handgelenk an unkontrolliert schlackern. Von Zittern kann keine Rede mehr sein.

Ohne den Wind ist es gleich gefühlte fünf Grad wärmer und wir beeilen uns, aus den nassen Sachen und in die Schlafsäcke zu kommen. Marc verteilt an jeden ein Stück Schokolade, die so gut schmeckt wie noch nie, dann bin ich weg.

Eine gute Stunde später weckt mich Daniela und kocht meine Fertigmahlzeit. Ein Energieriegel zum Frühstück und ein wenig Tomatensuppe war wohl doch zu wenig an diesem anstrengenden Tag. Wir essen alle gemeinsam und schlafen danach trotz prasselndem Regen und tosendem Wind schnell wieder ein und bis zum nächsten Morgen durch.

Erkenntnisse des Tages:

1. Man sagt, im Sarek regnet es an zwei von drei Tagen. Das stimmt.
2. Regenhosen werden am besten früh genug angezogen (wir haben sie später fast durchgängig getragen).
3. Wir funktionieren als Team, auch in Entbehrungssituationen.
4. Manchmal sind es nicht die Weg- oder Wetterverhältnisse allein, die eine Tour anspruchsvoll machen, sondern auch der Zeitdruck.


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