Samstag, 30. November 2013

Sarek Reisebericht: Tag 9 - Sitojaure bis Saltoluokta: 20-Kilometer-Endspurt


Dienstag, 09.07.13: Feste Wände und ein richtiges Dach über dem Kopf sind keine Garanten für einen erholsamen Schlaf. Das ist die Erkenntnis der vergangenen Nacht in der Sitojaurestugorna/Fjällstuga Sitojaure. Von der nächtlichen Mückenjagd gezeichnet starten wir die letzte Etappe zur Fjällstation Saltoluokta. 20 Kilometer auf dem Kungsleden, die sich zum Ende noch zu einem Gewaltmarsch auswachsen sollten.


Zeltwände sind dünn und vermitteln verglichen mit einem Holzhaus mit Türen und Fenstern eher ein virtuelles Gefühl von Geborgenheit. Allerdings ist das tragbare Heim räumlich recht überschaubar. Und man hat es selbst in der Hand, wie gewissenhaft man mit dem Mosquito-Schutz des Innenzelts umgeht. Wir sind in den vergangenen Tagen äußerst konsequent gewesen, weshalb sich keine einzige Mücke in unsere "Green Zone" verirrt hatte.

In einer Fjällstuga verhält sich das anders.

Mit Handylicht und Schuh in der Hand haben wir die vergangene Nacht verbracht. Naja, vielleicht nicht die ganze Nacht. Aber in jedem Fall eine ganze Zeit. Im bläulichen Schein des Mobiltelefons erlegen wir weit über 20 Mücken, doch das Tinnitus-artige Summen bleibt. Schnell vermuten wir, dass es eine unentdeckte Öffnung geben muss, die weitere Blutsauger in den Raum spuckt.

Ich übe mich schließlich im defensiven Höhlenbau mit der Bettdecke, Marc lockt die hochfrequenten Quälgeister mit seinem unbedeckten Arm und schlägt zu, sobald sie sich setzen. Irgendwann, in jedem Fall aber viel zu spät, übermannt uns dann doch die Müdigkeit.

Der Kontrollverlust über das eigene Wohl und Wehe hatte aber schon früher eingesetzt. Nach dem Abendessen war ich früh zu Bett gegangen, während Daniela und Marc noch eine Weile zum Kniffeln im Gemeinschaftsraum blieben. Weil dort ein schwedischer Familienvater den mitgebrachten Fisch mit Inbrunst briet, löste der fettige Dunst alsbald den Feueralarm aus. Ich war wieder wach.

Man behalf sich schnell und lüftete nach innen, in den Flur zu den Unterkünften. Nach wenigen Minuten löste die Aktion konsequenterweise auch dort den Brandmelder aus. Alter Schwede. Der Bratende blieb pragmatisch und entfernte kurzer Hand die Batterien aus den Gehäusen. Dankbare Stille erfüllte das Haus und die Familie konnte ernährt werden.

Im Unterkunftshaus mit Gemeinschaftsküche und Trockenraum gibt es Gasherde, Basis-Gewürze, Besteck und Geschirr, aber kein fließendes Wasser. Das holt man für den Abwasch mit Eimern aus dem See. Trinkwasser gibt es etwa 25 Meter westlich der Hütte aus einem kleinen Bach, der in den See mündet (ausgeschildert).

Fjällstuga Sitojaure: Das Schlafhaus mit Gemeinschaftsküche.
Ein Teil des Flures lässt sich mit einem Vorhang abtrennen und wird so zum Badezimmer mit Spülbecken und Eimer mit Schöpfkelle (für das Seewasser). Wer mehr als eine Katzenwäsche wünscht, dreht eine Runde im Sitojaure. Zu den Toiletten gelangt man über einen knapp 30 Meter langen Plankensteg. Die vier Plumpsklos sind gepflegt und neben Mücken auch mit Klopapier versehen.

Die vier Plumpsklo-Kabinen, dahinter das Haus des Hüttenwarts.

Gerädert, und daher schweigsamer als gewöhnlich, nehmen wir das Frühstück ein und brechen auf. 20 Kilometer trennen uns noch von der Fjällstation Saltoluokta. Etwa auf der Hälfte der Strecke liegt laut Fjällkartan BD 10 eine Schutzhütte.



Wir sind erst wenige Meter gelaufen, als wir auf ein junges norwegisches Pärchen treffen. Die Region scheint bei Norwegern sehr beliebt zu sein, siehe vorherige Begegnungen. Die beiden kommen aus der Gegenrichtung und wollen das Boot nach Rinim nehmen um von dort ins Basstavagge aufzubrechen. Offenbar befindet sich der Ableger aber nicht an der Fjällstuga, sondern woanders. Wir können den beiden nicht helfen und raten, den weiblichen Hüttenwart um Rat zu fragen.

Eine Viertelstunde später haben wir den birkenbestandenen Küstenstreifen hinter uns gelassen und laufen wieder auf einer kahlen Hochebene. Kurz darauf treffen wir unmittelbar am Kungsleden auf das Hinweisschild mit Wegbeschreibung zum Rinim-Boot. Verzeichnet ist die Weggabelung auf der Fjällkartan zwar nicht. Für uns bleibt es aber ein Rätsel, wie die beiden diesen Abzweig übersehen konnten. 





Die ersten zehn Kilometer bringen wir zügig hinter uns. Abgesehen von ein paar Bodenwellen gibt es wenig Abwechslung in der kahlen, flachen Landschaft und auch der Weg selbst bleibt so breit und ausgetreten wie am Vortag. Schließlich treffen wir auf  Holzkreuze, die die Winterroute etwas unterhalb des Hauptpfads markieren. Da der Weg weniger steinig und windgeschützter ist, folgen wir ihr und legen eine kurze Pause ein. Zwei Kilometer weiter treffen wir wieder auf den Kungsleden.

Besser zu begehen: Die Winterroute neben dem Kungsleden ist mit Holzkreuzen markiert.

Blick nach Westen Richtung Sarek.

Bei Kilometer elf kommt eine Ansammlung von Hütten in Sicht, darunter auch die verzeichnete Schutzhütte direkt am Wegesrand. Mittlerweile haben wir uns so stumpf eingelaufen, dass Marc und Daniela weitertraben, während ich kurz anhalte, um diesen Ort für die Nachwelt zu dokumentieren. So langsam geht uns die Tour an die Substanz. Wir wollen nur noch ankommen.

Hütten-Ansammlung am Kungsleden. Links der Bildmitte die Schutzhütte.

Die Schutzhütte am Kungsleden in der Nahaufnahme.

Wegweiser direkt neben dem Eingang. Über die Hälfte haben wir schon geschafft.

Als ich die Tür öffne, bin ich überrascht. Arne isst gerade Mittag. Der norwegische Weitwanderer hat bereits 176 Kilometer hinter sich und will weiter nach Kvikkjokk. Redselig freut er sich über den Besuch, ich muss aber weiter. Bereitwillig lässt er sich als Teil des Interieurs fotografieren.

Die Hütte von innen: Nalgene, Arne, Smartphone (von links).
Auf den letzten sieben Kilometern schlägt dann die Erschöpfung bei uns richtig durch. Erschwerend kommt hinzu, dass sich der immergraue Himmel einmal mehr erleichtert und uns Regen schenkt. Im Sarek war die Spannung, die Abwechslung, das Abenteuer größer. Jetzt hacken wir im feinen Landregen Kilometer um Kilometer monoton auf dem steinigen Pfad herunter. Der streckenmäßig längste Abschnitt und es lohnt sich einfach nicht, nach rechts oder links zu schauen. Pausen sind gestrichen, wir bleiben nicht mehr stehen. Ironischerweise habe ich für eine ganze Zeit den Refrain von Thomas D.s "Rückenwind" als Ohrwurm im Kopf. Selbstmotivation.

Blick Richtung Sarek. Es regnet mal wieder.

Dann endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit: der Wegweiser, an dem man entweder geradeaus nach Saltoluokta läuft, oder nach rechts (Norden) erneut auf die Winterroute abbiegt. Beide Wege werden mit drei Kilometern Länge angegeben. Wir entscheiden uns wieder für die Winterroute, weil sie direkter zur Baumgrenze hinabführen soll.

Drei Kilometer vor Saltoluokta: Geradeaus geht es auf dem Kungsleden weiter, nach rechts zweigt die Winterroute ab.

Blick auf die Winterroute, hinten bereits sichtbar: der Ausläufer des Suorvajaure.

Auf diesen letzten drei Kilometern bekommen wir noch einmal einen Schnelldurchlauf in den ungeliebten Dingen einer Schweden-Expedition: Überfluteter, sumpfiger Wald, glatte Steine und Wurzeln, und Mücken, Mücken, Mücken, denen der Regen nichts auszumachen scheint. Dann endlich taucht Saltoluokta unvermittelt vor uns auf.


Endlich da: Wir haben Saltoluokta erreicht.


Weggabelung direkt hinter den Saltoluokta-Hütten: Links verläuft der Winterweg, rechts der "normale" Kungsleden-Weg.


Wer den Winterweg nehmen möchte, hält sich hier Richtung Petsaure, Björkudden, etc.


Saltoluokta-Übersicht: Rechts oben der Standort mit den Wegweisern.
An der Rezeption im zentral gelegenen Hauptgebäude/Restaurant/Shop checken wir ein. Da wir online vorgebucht und bezahlt hatten reicht es, unsere Namen zu nennen. Kreditkarten-/Barzahlung ist aber auch vor Ort möglich. Mit Karte zahlen wir dann auch das Abendessen im Restaurant, das man an der Rezeption vorbestellen muss. Wir haben zwar noch Fertigmahlzeiten, aber die Aussicht auf ein Vier-Gänge-Menü mit Rentier-Steak und Kartoffelgratin und Eis zum Dessert macht die Entscheidung einfach.

Offenbar kommen auch viele Städter zu einem Wildnis-Light-Trip hierher. Uns fallen die Smartphones, Notebooks und Tablets auf, die sich bei vielen Gästen großer Beliebtheit erfreuen.

Marc zieht in die Gamla Station ein, eines der ältesten Gebäude der kleinen Hütten-Siedlung. Die Mehrbett-Zimmer, die geräumige Küche (Wasserkocher, Besteck, Geschirr, Töpfe etc. vorhanden) und der Aufenthaltsraum mit Kamin sind verwaist und bleiben sein Reich bis zur Abreise am nächsten Tag.


Marcs Unterkunft: Die Gamla Station.


Gamla Station


Gamla Station


Gamla Station


Gamla Station


Gamla Station
Daniela und ich haben ein Zweibettzimmer im Haus Kierkau gebucht. Der Raum ist gefühlt kaum größer als zwei aneinandergereihte Telefonzellen, das stört aber kein bisschen. Er grenzt mit einer Wand unmittelbar an den Aufenthaltsraum. In der Hauptsaison könnte es hier also durchaus ein Lärmproblem geben. Aber er ist mückenfrei und bleibt es auch.


Unsere "Telefonzelle": Zweier-Zimmer im Gebäude Kierkau.
Die Sanitäreinrichtungen sind über jeden Zweifel erhaben. Nach neun Tagen wissen wir fließendes, warmes Wasser wieder richtig zu schätzen und duschen ausgiebigst mit viieel Seife.

Bad im Haus Kierkau.


Toilette im Haus Kierkau.


Aufenthaltsraum im Haus Kierkau (linke Seite).


Aufenthaltsraum im Haus Kierkau (rechte Seite).


Information zu den Zahlarten: In Fjällstationen werden Kreditkarten akzeptiert, in den kleineren Hütten nur Bares oder Wertgutscheine.


Öffnungszeiten Restaurant, Rezeption, Shop 2013


Bootfahrzeiten und Preise Sommer 2013
Das Abendessen folgt einem festen Protokoll: Im Vorraum versammeln sich die Gäste, werden namentlich aufgerufen und zu ihrem Platz im Speisesaal geleitet. Es gibt Getränkeempfehlungen des Hauses und der Koch präsentiert jeden Gang persönlich. Unter den Eindrücken der vergangenen Tage komme ich mir schon ein bisschen fehl am Platze vor. Auf der anderen Seite ist es der perfekt-dekadente Abschluss unseres Treks.

Das Essen ist fantastisch und ich schlage ordentlich zu. Dazu gibt es ein schwedisches Bier. Dann wird es aber immer schwieriger, etwas herunterzubekommen. Mein Schrumpfmagen ist völlig überfordert mit der Menge und der Reichhaltigkeit des Essens. Ich bin im Sarek deutlich unter meinem geplanten Essens-Soll geblieben. Eineinhalb Kilogramm werde ich wieder mit zurückbringen. Das rächt sich jetzt.

Schon vor dem Nachtisch möchte ich kapitulieren. Man sieht mir bereits an, dass ich ziemlich blass und still geworden bin. Angestrengt löffele ich das Eis dennoch in mich hinein, verabschiede mich frühzeitig und lege mich hin. Drei Minuten geht das gut, dann entscheide ich mich, mich doch lieber kontrolliert von der Überfüllung zu befreien. Einmal mehr bin ich für die Wasserspülung auf der Toilette dankbar. Danach ist die Welt wieder in Ordnung - auch wenn es mir um das herrlich zarte Rentierfleisch leid tut.


Frühstücksbuffet im Saltoluokta-Restaurant


Abreise: Marc, Daniela und Jan vor dem Haupthaus in Saltluokta.
Zurück nach Gällivare geht es am nächsten Morgen zunächst mit der MS Langas von Saltoluokta nach Kebnats. Tickets kann man an Bord oder bereits an der Rezeption kaufen. Kreditkarten- und Barzahlung wird in beiden Fällen akzeptiert.


Bootsanleger bei Saltoluokta. In der Verlängerung des Stegs liegt auf der anderen Seite Kebnats. Von dort geht es mit dem Bus zurück nach Gällivare.

Die MS Langas verkehrt zwischen Kebnats und Saltoluokta.
In Kebnats hat man Anschluss an die Linie 93 nach Gällivare beziehungsweise nach Ritsem. Beide Busse treffen nur wenige Minuten nacheinander am Anleger in Kebnats ein. Zurück in Gällivare checken wir wieder im Grand Hotel Lappland ein und gehen einen Abschiedsburger essen. Mein Magen hat sich zwischenzeitlich akklimatisiert und so bleibt das Geschmackserlebnis nachhaltig. Die restlichen Kronen investiere ich im Intersport in Djungleolja, ein schwedisches Anti-Mückenmittel. Der nächste Schweden-Trip wird zeigen, ob es sich besser bewährt, als die deutschen Pendants Anti-Brumm Forte und Autan.


Zurück in Gällivare: In diesem Einkaufszentrum befindet sich der Intersport. Dort kann man Gaskartuschen und Anti-Mückenmittel kaufen.

Erkenntnisse des Tages:

1. Der Abschnitt Sitojaure bis Saltoluokta hat (vergleichsweise) wenig Spektakuläres zu bieten, ist aber (vergleichsweise) leicht zu gehen. Als letztes Teilstück unserer Tour erwies er sich als extrem lang. Wer hier ein paar Pausen (z.B. in der Rasthütte auf halber Strecke) einlegt, macht sich das Leben leichter.

2. Saltoluokta ist ausgesprochen komfortabel - sowohl in Bezug auf das Essen als auch auf die Unterkünfte und deren Ausstattung. Günstig ist beides nicht. Es gibt aber auch die Möglichkeit, auf dem Gelände zu zelten und Wasch- und Kochräume als Selbstversorger mitzunutzen.

3. In Saltoluokta kann man alles auch mit Kreditkarte bezahlen. Das gilt auch für den Bootstransfer nach Kebnats.

4. Für Leute, die vernetzt bleiben wollen, gibt es WiFi-Empfang zumindest im Haupthaus. Im Shop kann man neben Saltoluokta-Merchandise auch Gas, Essen von Chips bis Trockennahrung, und Outdoorbekleidung kaufen.

5. Bei der Umstellung von Trekking-Nahrung auf ein Deluxe-Menü sollte man gegebenenfalls Vorsicht walten lassen, wenn man länger etwas davon haben möchte.

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