Mittwoch, 4. September 2013

Sarek Reisebericht: Tag 8 - Vom Skierffe über den Kungsleden zum Sitojaure: Auf dem Trekking-Highway



Montag, 08.07.13: Mit den vergangenen zwei Tagen im Hochfjäll hat der Sarek den unfreundlich nassen Einstieg der Tour wieder gut gemacht. Jetzt trennt uns nur noch der Skierffe vom Weitwanderweg Kungsleden. Auf dieser Seite haben wir die totale Abgeschiedenheit erlebt, auf der anderen Seite erwartet uns vergleichsweise viel Trekkingbetrieb auf einem ausgetretenen Pfad. Keine verlockende Aussicht. Zum Ende dieser Etappe kommt uns die gute Infrastruktur des "Königswegs" aber doch noch gelegen.


Am Morgen fegt der Wind unablässig über die Hochebene. Tatsächlich ist er so stark, dass wir erst das Innenzelt abbauen und dann im deutlich vergrößerten Innenraum packen und frühstücken. Erst als alles in den Rucksäcken verstaut ist, brechen wir den Rest des Zeltes ab. Windig war es die ganze Nacht, gelegentlich mit Sprühregen. Bemerkenswerter aber ist der Temperatursturz, der uns kurz vor dem Start etwas frösteln lässt. Aber kein Problem. Wir werden uns schon warmlaufen.

Kurz vor dem Aufbruch: Wind im Rücken, Skierffe im Blick.

Wie schon einige Male zuvor erreicht uns auch jetzt ein feiner Sprühnebel, der von einem weiter entfernten Regenguss im Sarek herüberweht. Wie ein versöhnlicher Abschiedsgruß wirkt der Regenbogen hinter uns, als wir die Hochebene überqueren und dem Sattel des Skierffe entgegensteigen.


Der Weg hinauf zum Sattel ist einfach. In Serpentinen laufen wir auf Grasflächen zwischen kniehohen Weidenflächen hindurch. Es wird felsiger, ein paar Steinmandl sind zu sehen und weisen uns die letzten Meter durch vollends felsiges Terrain zum Rücken des Skierffe.

Schnell stellen wir dort fest, dass die Steinhaufen keine große Hilfe mehr sind: Zerklüftet, aber nicht besonders steil, liegt die Rückseite des Bergs vor uns - und übersät mit Steinmandln. Hier scheint jeder Trekker seinen eigenen Aufstieg markiert zu haben. Wir gehen noch ein paar Meter auf dem Sattel weiter und legen die Rucksäcke ab. Für den kleinen Abstecher zum Gipfel wollen wir schnell und leicht unterwegs sein.

Es ist grundsätzlich möglich, auf fast jedem x-beliebigen Weg über die Felsen aufzusteigen. Wer auf dem Hauptpfad zum Kliff des Skierffe gehen möchte, sollte zuerst das "Hauptsteinmandl" auf dem Sattel finden. Vom Kungsleden kommend kann man den spitz aufragenden Felssplitter auf einem großen Steinhaufen eigentlich nicht verfehlen. Von ihm geht der Hauptpfad aus. Wir finden ihn und folgen ihm. Rechts von uns versucht sich ein Trekker-Pärchen auf einer anderen Route. Es dreht aber bald um, weil die beiden den kräftigen Böen auf der Westflanke ausgesetzt sind, und es nicht so recht vorangehen mag.

Oben ist der Wind extrem und wir nähern uns der Abbruchkante vorsichtig. Etwa 700 Meter geht es hier senkrecht nach unten ins Rapadalen. Das weitläufige Flussdelta präsentiert sich schillernd wie ein ausgelaufener Wasserfarbmalkasten. Es wäre schön, wenn uns etwas Sonne geschenkt worden wäre, aber auch so ist die Aussicht grandios und dramatisch im fahlen Licht unter den dunklen Regenwolken. Wir sind allein hier oben und bleiben es auch.


Gipfelsturm: Als wir das Kliff erreichen, ist der Wind sehr stark.

Filigran gezeichnet: Das Flussdelta des Rapadalen.

Blick nach Osten zum Laitaure-See

Blick nach Westen ins Rapadalen. In der Bildmitte der Nammasj.

Es ist so stürmisch, dass wir uns für einen senkrechten Blick nach unten nur auf dem Bauch an die Kante wagen.

Blick über die Kante auf das Schuttfeld 700 Meter weiter unten im Rapadalen.

Pünktlich zum Ende der ausgiebigen Foto-Session verabschiedet sich mein Akku und wir steigen zügig zu unseren Rucksäcken ab. Der feuchte Wind hat uns alle etwas ausgekühlt. Wer eher in gedeckten Farben unterwegs ist, und seinen Rucksack abseits des Hauptpfads ablegt (so wie wir), ist gut beraten, sein mobiles Zuhause farbig zu markieren, damit man es beim Abstieg leichter sieht.

Suchbild Skierffe-Sattel: Wer die Rucksäcke sieht, darf sie behalten. Rot markiert ist das "Hauptsteinmandl".

Von hinten unspektakulär: Der felsige Rücken des Skierffe (links).

Auf dem Weg zwischen Skierffe und Kungsleden: Blick auf den Laitojaure.
Wir lassen den Skierffe hinter uns und laufen oberhalb des Laitaure auf einem gut sichtbaren und mit Steinmandln gepflasterten Pfad dem Kungsleden entgegen. Ein unscheinbares Schildchen, verbogen und kaum größer als sechs aneinandergereihte Streichholzschachteln, markiert die Sarek-Grenze. Jetzt sind wir also raus.

Grenzgänger: Daniela, Jan und Marc am winzigen Nationalpark-Schild (von links).

Je näher wir dem Kungsleden kommen, desto mehr weitet sich die Sicht auf den Laitaure.

Unten im Tal die Aktse-Hütten. Der Kungsleden ist nicht mehr weit.

Kurz bevor wir den Kungsleden erreichen, haben wir noch eine seltsame Begegnung. Etwa einhundert Meter vor uns landet ein Hubschrauber und setzt drei äußerst durchtrainierte Männer in engen, schwarzen Under Armour Shirts und ebenso schwarzen BDU-Hosen ab.

Die Borsten-Haarschnitte, militärische Bergans Powerframe Rucksäcke, Oakley Assault Boots und ballistischen Sonnenbrillen legen den Verdacht nahe, dass die Jungs wohl zu einer Durchschlagübung in den Sarek aufbrechen. Gut, wir sehen nicht viel anders aus. Man erkennt sich, mustert sich, grüßt sich, und zieht weiter. Wenige Minuten später treffen wir auf den Kungsleden.

Der Wegweiser zum Skierffe, vom Kungsleden aus fotografiert.

Der Weitwanderweg ist breit, oft mehrspurig, aber dennoch nicht immer leicht zu begehen. Durch den regen Verkehr ist der Pfad ausgetreten und die Steine sind freigespült, sodass man fast bequemer neben dem Weg läuft. Auf jeden Fall sollte man auch hier ein wenig Aufmerksamkeit darauf verwenden, wo man seine Füße hinsetzt. Wir schwenken nach Norden und laufen über weite, kahle Flächen dem Sitojaure-See entgegen.



Seltsamerweise empfinden wir die Landschaft nun gar nicht mehr als so reizvoll. Vielleicht, weil wir uns satt gesehen haben. Vielleicht, weil wir spektakulärere Bilder der vergangenen Tage im Kopf haben. Vielleicht aber auch, weil wir alle drei das Gefühl teilen, nun auf einer anspruchslosen Autobahn unterwegs zu sein. Es dauert nicht lang, und wir begegnen einem norwegischen Pärchen mit Hund. Später sehen und überholen wir größere Trekking-Gruppen. Dieser Weg hat fast nur noch den Zweck uns nach Hause zu bringen.



Der beständige Rückenwind macht das Gehen einfacher und einige Zeit später tut sich der Sitojaure vor uns auf. Bevor wir ihn erreichen müssen wir aber die karge Hochebene verlassen und noch ein gutes Stück des bekannten, sumpfigen Birkendschungels durchqueren. Auf dem Kungsleden geschieht dies auf Holzplanken und so kommen wir hier bizarrer Weise noch schneller voran, als auf dem steinigen Pfad.




Schließlich erreichen wir den See, von dem wir wissen, dass man ihn mit einem Ruderboot oder per herbeigerufenem Motorboot überqueren kann. Zum Ende dieser Etappe ist keinem nach Rudern zumute, und geplant hatten wir es sowieso nicht. Der in verschiedenen Reiseberichten beschriebene Fahnenmast mit dem weißen Container ist nicht zu übersehen. Hisst man ihn, soll ein Motorboot kommen.







Der Pfahl ist umgeben von ebenso hohen Birken. Uns ist bis heute nicht klar, wie der weiße Container von irgendwo gesehen werden soll. Ich vermute vielmehr, dass durch das Hinaufziehen ein Signalgeber im Mast aktiviert wird. Wie auch immer: Wir probieren unser Glück und gehen zum Steg.




Dort angekommen, sehen wir ein Ruderboot. Für jemanden, der es benutzen möchte, bedeutet das Folgendes: Heute ist kein guter Tag.

Liegt an diesem Ufer nur ein Ruderboot, liegen am anderen Ufer zwei. Man müsste also einmal mit diesem Boot übersetzen, eines der beiden anderen ins Schlepptau nehmen, mit ihm zurückkehren, es hier befestigen und im eigenen Boot ein weiteres Mal auf die andere Seite paddeln. Also dreimal über den See. Nur so ist sichergestellt, dass an diesem Ufer weiter ein Ruderboot verfügbar ist.



Der See ist riesig. Man fährt nicht einfach in einer geraden Linie rüber (was auch schon weit wäre), sondern einen guten Teil in der Längsrichtung. Ich wünsche keinem Trekker, der darauf angewiesen ist, an seinem Ufer nur ein Boot vorzufinden. Selbst einmal rüberzurudern ist eine Aufgabe. Gerade, wenn man schon den halben Tag unterwegs war.

Weil ich dem gehissten Container als Signal allein nicht Vertrauen mag, stelle ich zusätzlich den Rucksack gut sichtbar auf das Stegende. Eine Stunde wollen wir warten. Dann können wir immer noch unser Glück mit dem Handy versuchen, oder zelten eben hier.



In der Ferne fährt ein kleines Motorboot vorbei zur zwei Kilometer entfernten Samensiedlung. Zwanzig Minuten vergehen, und Marc hat sich gerade ein Süppchen gekocht, als das Motorboot wieder auftaucht und auf uns zuhält. Der Container-Trick funktioniert.


Selbst mit dem Motorboot brauchen wir für eine Überquerung zur Sitojaurestugorna (einer Kungsleden-Unterkunft) gute 20 Minuten. Dort liegen die anderen Ruderboote. Wer die vier Kilometer rudern muss/möchte, kann das ja mal auf die eigene Muskelkraft hochrechnen. Wir zahlen dem freundlichen Mann mit dem gelben Gehörschutz 200 SEK (23 EUR) pro Person für die unromantische, gleichwohl bequeme Variante. Marc isst die Suppe während der Fahrt.






Bequem wird dann auch das vorzeitige Ende der Etappe. Spontan entschließen wir uns, das Zelt im Rucksack zu lassen und für die Nacht in der Sitojaurestugorna/Fjällstuga Sitojaure einzukehren. Wir entdecken also doch noch den Charme des relativ unstrapaziösen Kungsledens. Für unermäßigte 395 SEK (ca. 45 EUR) pro Person bekommen wir ein Vier-Bett-Zimmer. Hier draußen gilt: Nur Bares ist Wahres. Kreditkarten werden nicht akzeptiert.

Keiner von uns ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass uns die unruhigste Nacht der gesamten Reise bevorsteht.







Blick aus dem Fenster auf den Sitojaure.


Erkenntnisse des Tages:

1. Der Kungsleden verläuft auf der Etappe Skierffe-Sitojaure weitgehend über karge Ebenen. Einen natürlichen Wetterschutz gibt es nicht. Sumpfflächen gibt es nur in der Niederung vor dem Sitojaure. Sie sind unschwierig über Plankenstege zu überqueren.

2. Die Fahrt mit dem Motorboot über den Sitojaure (20-25 Minuten) ist eine echte Entlastung. Besonders, wenn alternativ dreimal Rudern á vier Kilometer nötig sein sollte. Wir zahlen im Juli 2013 200 SEK (23 EUR) pro Person.

3. Der Container am Fahnenmast funktioniert als Signalgeber für das Motorboot - wie auch immer. Wer ganz sicher gehen möchte, ruft an: Erik Ivar Kallok, 070-274 72 63. Auch von den Aktse-Hütten aus soll das möglich sein. Ansonsten gibt es immer noch die Ruderboote.

4. Eine Hütten-Übernachtung in der Sitojaurestugorna/Fjällstuga Sitojaure kostet im Juli 2013 unermäßigt 395 SEK (ca. 45 EUR) pro Person. Dafür bekommt man ein Bett mit Bettbezügen, Kopfkissen und Decke. Die Nutzung der Gemeinschaftsküche (inklusive der Gasherde) ist im Preis inbegriffen. Wohl dem, der genügend Bargeld dabei hat. Kreditkarten werden nicht akzeptiert.

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