Sonntag, 1. September 2013

Sarek Reisebericht: Tag 7 - Lulep Vássjájågåsj bis kurz vor den Skierffe: Ein Tag im Hochfjäll


Sonntag, 07.07.13: Eine Woche sind wir nun unterwegs, schlafen im Zelt, leben aus dem Rucksack. Heute wollen wir es über das Hochfjäll bis kurz vor den Skierffe schaffen. Der markante Berg mit dem etwa 700 Meter tiefen Steilabbruch ins Rapadalen ist das oft fotografierte Wahrzeichen des Sareks und leicht vom dahinter liegenden, viel begangenen Weitwanderweg Kungsleden zu erreichen. Für uns bedeutet die Landmarke, dass die Grenze des Nationalparks, und damit das Ende der Zeit im Sarek, näher rückt. Als hätte er's gewusst, verwöhnt uns der Pfad-Gott an diesem Tag noch einmal mit einer fast vollständig weglosen, abenteuerlichen Etappe.

Es ist einer der klassischen Waschküchen-Morgen im Sarek. Nur, dass wir dieses Mal über dem Bodennebel und unter den Hochwolken erwachen. Hier und dort bricht die Sonne durch und garniert das Wolken-Sandwich mit ein paar Glanzpunkten auf den Gipfeln. Ein geräuschloser, unsichtbarer Sog zieht Kilometer entfernt einen Wolkenstrom die Schlucht des Alep Vássjájågåsj hinauf.

Geisterschleier in der Ferne: Wolkenwanderung in der Alep-Schlucht.

Ich gehe die wenigen Meter von unserem Zeltplatz auf der Hochebene hinüber zum namenlosen Fluss, den wir am Vortag über eine Schneebrücke gequert haben. Es ist angenehm kühl, aber nicht kalt. Ein ganz leichter Wind geht und als ich in den breiten Graben zum Wasser hinabsteige, verebbt er ganz. Gestern Abend haben wir die mückenfreie Gegend genutzt um uns gründlich zu waschen und ich habe ein Experiment gestartet. Jetzt will ich sehen, was daraus geworden ist.

Schnell erkenne ich das kleine Steinmandl am anderen Ufer wieder. Wenige Schritte über die Steine im Wasser auf die Markierung zu, und ich stehe vor der "Gebirgswaschmaschine".

In einem Forum hatte ich vor der Tour gelesen, dass man Kleidung unterwegs völlig ohne Outdoorseife und andere Zusätze reinigen könne. Dazu solle man sie einfach über Nacht in einen klaren, kalten Gebirgsbach legen. Eine ziemlich bequeme Sache. Die Vorstellung fand ich so interessant, dass mein verschwitztes Synthetik-Kompressionsshirt mit einem Stein beschwert eine Nacht im eiskalten Fluss verbringen durfte.

Das Ergebnis begeistert: Das Hemd ist porentief gereinigt, von jedem Schweißgeruch befreit und riecht absolut frisch - eben wie aus der Waschmaschine. Eine Empfehlung, die ich also nur weitergeben kann. Es kommt zum Trocknen an den Rucksack und wir brechen auf.

Die Schlucht des Lulep Vássjájågåsj (im Folgenden "Lulep" genannt) ist schon vom Zeltplatz aus sichtbar und über die ebene Grasfläche innerhalb von 20 Minuten leicht zu erreichen. Zerklüfteter und steiler ist der gegenüberliegende Hang, aber dennoch unschwierig zu erklimmen.

Furtstelle am Lulep Vássjájågåsj.

Der Lulep ist einer der tieferen Flüsse, aber klar und nicht besonders schnell fließend. Daher stellt die Furt für uns Anfang Juli - abgesehen von ein paar kippeligen Steinen unter Wasser - keine besondere Herausforderung dar. Eine angenehme Erfrischung am Morgen, auch wenn die Mosquitos sich in dem windgeschützten Einschnitt ebenfalls sehr wohl fühlen. Ich verzichte deshalb auf die Neoprensocken, was der Lulep zum Anlass nimmt mich daran zu erinnern, dass Gebirgsbäche KALT sind.

Der Lulep ist klar, die Steine unter Wasser wackeln zum Teil, sind aber gut sichtbar.

Blick zurück von der anderen Seite der Lulep-Schlucht. Etwa in der Bildmitte haben wir gezeltet.

Nach dem Aufstieg auf der anderen Seite stoßen wir auf ein ausgedehntes, wasserdurchströmtes Weidenfeld. Für Fjällkartan BD 10-Besitzer: Es liegt zwischen dem Lulep und dem felsigen Sattel unmittelbar nordöstlich der Höhe 1112. Wir umgehen es in einem Rechtsbogen (also südlich). Dabei halten wir uns auf einem schmalen Grasstreifen entlang des steilen Einschnitts, durch den der namenlose Fluss vom Rådnik in den Lulep fließt. Der Fluss selbst lässt sich unmittelbar vor dem Sattel trockenen Fußes überqueren. Hier finden wir auch ein paar Steinmandl.

Überquerung des namenlosen Flusses vom Rådnik, der stromabwärts in einer unpassierbar steil erscheinenden Schlucht auf den Lulep trifft.

Blick zurück über den "Rådnik-Fluss": Hinten das Weidenfeld, das wir südlich (von hier aus links) umgangen haben.

Schematische Darstellung unseres Weges vom Zeltplatz durch die Lulep-Schlucht, um das Weidenfeld und über den "Rådnik-Fluss" auf den Sattel.
Vom Sattel aus geht es weiter weglos über eine grasige Fläche, die stellenweise mit knöchelhohen Weiden bestanden ist. Gelegentlich sind kleinere Bachläufe zu überqueren und sumpfige Senken zu umgehen. Hier verlaufen zahlreiche Wildspuren, denen wir abschnittsweise folgen, wenn sie mit unserer Laufrichtung übereinstimmen. Spätestens heute merke ich, dass die verkümmerte Wildnis-Routine wieder da ist, und ich das Gelände wieder ganz instinktiv zu lesen weiß. Als nächste Wegmarke peilen wir den vor uns liegenden Berg Suorkitjahkka an.

Unser Weg vom Sattel rechts der Höhe 1112 über das Hochplateau Richtung Skierffe.

Jetzt deutlicher zu sehen: Der Sattel zwischen Höhe 1112 (Bildmitte) und dem Rådnik rechts.

Blick nach Süden: das Rapadalen. Nach dem Ausflug ins Rapasalet sind wir nicht traurig, es "nur" von oben zu sehen.
In den Führern wird empfohlen, durch den Einschnitt zwischen dem Suorkitjahkka und der Höhe 1078 zu laufen. Wir entscheiden uns in einem Anflug von Kopffreiheit, den Suorkitjahkka nördlich zu umgehen.

Nördliche Umgehung des Suorkitjahkka, rechts das Rapadalen.
Bevor wir aber den Berg erreichen, treffen wir auf etwa 1140 Höhenmetern auf den Buovdajagasj. Zu anderen Zeiten soll der Fluss im Tal gelegentlich brusttief sein, und damit ein ernsthaftes Hindernis darstellen. Hier oben präsentiert er sich zunächst als weißes Band.


Vereist: Der Buovdajagasj im Juli 2013 auf etwa 1140 Metern Höhe.
Wir sehen, dass der Fluss bergab unweit unseres Standorts unter der gefrorenen Oberfläche hervortritt. Wie dick sie ist, wissen wir nicht. Ein gutes Stück oberhalb einiger Risse entscheide ich mich für eine Überquerung. Wie zuvor gehen wir nacheinander. Der Nächste startet erst, wenn der Vordermann das Eis überquert hat und hält sich auf dessen Fußspuren. Sicher ist sicher. Auch wenn der Skierffe bald in Sicht kommen müsste, sind wir noch zu weit von der Zivilisation entfernt, als dass wir jetzt leichtsinnig werden sollten.


Vorsichtige Überquerung des Buovdajagasj.
Leise höre ich das Gurgeln des Flusses unter meinen Füßen, aber das Eis ist fest und hält. Wie massiv die Oberfläche tatsächlich (noch) ist, zeigt sich erst auf der anderen Seite: weit über einen Meter dick.

Massiver Eisriegel: Hier sollte eine trockene Überquerung das ganze Jahr über möglich sein.

Eisausläufer des Buovdajagasj von der anderen Seite.

Nach einer kurzen Rast im Windschutz des Bachbetts traben wir gut gelaunt weiter Richtung Suorkitjahkka. Das Gelände ist weiter grasig und eben, die Sonne scheint, der Himmel ist blau und es spricht nichts dagegen, den Berg nördlich zu umrunden. Spätestens jetzt weicht die unterschwellige Anspannung der vergangenen Tage der Gewissheit, dass wir rechtzeitig in Saltoluokta eintreffen werden. Nichts kann uns aufhalten.



Kurz vor der Senke zwischen dem Ausläufer des Niehter im Norden und dem Suorkitjahkka im Süden werden aus Steinen Felsen, aus Felsen Brocken und aus Brocken Blöcke. Es bleibt aber leicht, auf etwa 1080 Höhenmetern zwischen ihnen hindurch zu gehen.


Nördliche Umgehung des Suorkitjahkka.

Und dann endlich ist es soweit: Der majestätisch über den Zugang zum Sarek wachende Skierffe kommt in Sicht. Zeit für eine windgeschützte Rast mit Aussicht.


Erster (stark gezoomter) Blick auf den Skierffe, rechts dahinter der Laitaure-See.
Da wir nördlich um den Suorkitjahkka herumgegangen sind, laufen wir zunächst oberhalb des namenlosen Seitenarms, der weiter unten auf den vom Berg Niehter kommenden Fluss trifft. Die Flanke ist mit Felsblöcken übersät, aber noch gut zu begehen. Rechter Hand (im Süden) öffnet sich das Rapadalen in seiner ganzen Pracht mit Blick auf den freistehenden Nammasj.


Das Rapadalen weitet sich, im Tal erhebt sich der Nammasj.

Die Flanke Richtung Skierffe (links) ist gut zu begehen. Rechts die Ausläufer des Ridok.

Bei dem Panorama kommen wir um ein Gruppenfoto nicht herum: Skierffe, Tjahkelij und Nammasj (von links).

Und dann taucht doch noch eine Barriere auf.

Die Schlucht des "Niehter-Flusses" ist um Einiges imposanter als gedacht. Angesichts der glatten Felswände auf der anderen Seite ziehe ich erst einmal die Karte zu Rate. Schnell ist aber klar, dass wir wohl noch etwas stromaufwärts gehen müssen um eine furtbare Stelle zu finden. Schließlich stoßen wir am oberen Rand auf ein Steinmandl, dann auf ein weiteres. Offenbar verläuft hier eine markierte Route, die wir bislang nicht getroffen haben.

Überraschend tief und steil: Die Schlucht des "Niehter-Flusses".
Weitere Hilfe in Form von unnatürlichen Steinhäufchen gibt es in unserer Richtung nicht - zumindest sehen wir keine weiteren. Das macht aber auch nichts, denn mittlerweile haben wir auf etwa 1070-1090 Höhenmetern eine Stelle entdeckt, die man zumindest von dieser Seite erreichen, und auf der anderen Seite wieder empor steigen kann.

Unser (ungefährer) Weg durch die Niehter-Schlucht. Furt bei etwa 1070-1090 Höhenmetern.

Kartenstudium vor dem Weg zur Furt. Hinten vom vorigen Bild fortgesetzt der spätere Weg um den Gierdogiesjtjahkka.

Abstieg in die Niehter-Schlucht.
Beim Näherkommen wächst die Hoffnung, dass wir den Fluss über einige Steine unterhalb eines kleinen Wasserfalls trockenen Fußes überqueren können. Den anderen beiden gelingt das auch. Ich rutsche gleich vom zweiten Stein ab und wässere erst einen Schuh, und dann, weil das Gleichgewicht eh dahin ist, auch den Zweiten. Glücklicherweise läuft das Wasser wegen der Regenhose in den wenigen Sekunden nicht oben rein. Und so bleibt es bei einer feuchten rechten Socke, als sich das Wasser bei den nächsten Schritten an Land etwas durch das Leder drückt.

Furtstelle über die Steine unterhalb des kleinen Wasserfalls.
Der Aufstieg aus der Schlucht hoch zur Flanke des Gierdogiesjtjahkka ist sehr steil und einmal mehr sind wir für die Trekkingstöcke dankbar. Im Wechsel zwischen Geröllfeldern und grasigen Abschnitten steigen wir nach oben und wenden uns dann nach Süden, Richtung Rapadalen, um den Gierdogiesjtjahkka zu umrunden.

Blick von der anderen Seite der Niehter-Schlucht zurück auf unseren (schematischen) Weg vom Suorkitjahkka.

Wieder lassen wir uns vom "Pfad-Gott" (oder dem eigenen Spur-Instinkt) leiten und laufen auf großen Steinterassen entlang des blockigen Hangs durch das verschachtelte Felsenmeer. Mit jedem Meter rückt das Rapadalen wieder in den Blick und schließlich taucht auch der Skierffe wieder auf. Näher gerückt ist er schon, aber immer noch ein gutes Stück entfernt. Die gewaltigen Dimensionen dieser Landschaft können leicht dazu führen, die tatsächlichen Distanzen zu unterschätzen.

Der blockige Hang des Gierdogiesjtjahkka ist auf diesen Steinterassen relativ leicht zu queren.

Blick von der Gierdogiesjtjahkka-Flanke ins Rapadalen.
Der Hang zieht sich und der Wind hat inzwischen soweit aufgefrischt, dass unsere Regenüberzüge flattern, wenn wir stehenbleiben und uns umdrehen. Gut, dass er von hinten kommt. Richtig würdigen können wir den Ausblick von hier trotzdem nicht, da wir ständig darauf achten müssen, wo wir hintreten. Die Steinterassen enden nach dem ersten Drittel. Von jetzt an wird es etwas mühsamer, zwischen den Blöcken hindurch zu kommen und in etwa die Höhe zu halten.

Steinwüste: Der Hang des Gierdogiesjtjahkka ist der felsigste Abschnitt unserer Tour.


Immerhin haben wir schon die grüne Hochebene vor dem Skierffe im Blick, das Ende unserer heutigen Etappe. Als die Steine immer weiter zusammenrücken taucht plötzlich ein Steinmandl auf. Und schon sehen wir das nächste. Und das nächste.




Der Wind weht kräftiger, als wir plötzlich auf Steinmandl stoßen.
Es dauert nicht lang, und schon wird aus dem Steinmandl-Pfad ein tatsächlicher, der auf dem immer grasigeren Boden zum Hochplateau hinab führt. Wenn man aus Richtung Skierffe kommt, hat man es wegen des deutlicheren Einstiegs wahrscheinlich leichter, den Gierdogiesjtjahkka auf einer markierten Route zu passieren. Uns blieb das Vergnügen weitestgehend erspart.

Die letzten Höhenmeter zum Hochplateau verlaufen auf einem gut sichtbaren Trampelpfad.
Schnell löst sich der Pfad auf der weiten Ebene wieder auf. Wir laufen noch ein paar hundert Meter,  dann treffen wir auf einen kleinen Bach, der in einen Teich mündet. Hier schlagen wir unser Zelt auf. Der Wind ist so stark wie nie zuvor und wird es bis zum nächsten Morgen bleiben. Allerdings beschert uns das auch die zweite komplett mückenfreie Nacht im Sarek, worüber wir nicht traurig sind.

Mückenfreier Zeltplatz nahe eines kleinen Teichs mit Blick auf den Skierffe.
Wir holen Wasser, kochen, sitzen noch einen Moment zusammen und schlafen schließlich wohlig erschöpft nach einer tollen Tagesetappe ein. Draußen beschenkt uns der Sarek zur letzten "Nacht" mit einem Blick auf das dramatische Spiel seiner Lieblingselemente - Licht, Wind und Wasser - in seinem Inneren. Ein bisschen wehmütig blicke ich schon jetzt zurück auf die Reise in einem Teil der Welt, der weder Mobilfunk noch Kondensstreifen kennt.

Abschiedsgruß: Tief im Sarek treffen einmal mehr Licht und Wasser im ewigen Wechselspiel aufeinander.

Erkenntnisse des Tages:

1. Durch das Hochfjäll zu laufen ist eine echte Alternative zum Pfad durch das Rapadalen. Für uns stellte sich diese weglose Option nicht nur als insgesamt leicht begehbar heraus, sondern bescherte uns auch tolle Weitblicke, wie sie im Tal nicht möglich gewesen wären. Bei niedriger Wolkendecke ist die Orientierung allerdings sicher deutlich schwieriger und die Ausblicke entfallen auch.

2. Möglicherweise gibt es eine sporadisch markierte Route über die Hochebene. Wir sind nur an Engstellen wie Sättel und Furtstellen auf sie gestoßen, konnten aber manchmal von dort aus einen weiteren Verlauf entgegen unserer Laufrichtung ausmachen.

3. Feuchte Schuhe sind besser als nasse. Ein Loblied auf Regenhosen, die Schuhe für entscheidende Sekunden vor dem Volllaufen bewahren.

4. Die "Gebirgswaschmaschine" (stinkende Wäsche über Nacht in einen eiskalten Gebirgsbach legen) funktioniert tadellos.

5. Kopffreiheit Olé. In der Weite des Hochfjälls fühle ich mich wie ein Fisch im Wasser. Lieber würde ich dort ein paar Tage mehr trekken und dafür die verfilzten Täler meiden. Sollte es mich noch einmal in den Nationalpark verschlagen, wird es definitiv eine Hochtour. 



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